Fundstück der Woche 05/2020

Die Romantik am Rhein.Verlassene französische Grabdenkmäler im 19. Jahrhundert, 1797 bis 1842

Das Fundstück der Woche 05/2020 besteht eigentlich gleich aus mehreren, die sich mit der Rezeption der Grabdenkmäler der Generäle Marceau und Hoche im 19. Jahrhundert beschäftigen. Beide hatten ihre letzte Ruhe auf bzw. am Petersberg in Lützel gefunden, für Hoche entstand außerdem ein Grabmal in Weißenthurm, das allerdings noch der Fertigstellung harrte.

Mit dem ausgehenden 18. Jahrhundert – und noch viel mehr im 19. Jahrhundert – wurde der Rhein als ein Hauptmotiv der neuen Bewegung der Romantik angesehen. Insbesondere die Ruinen der alten mittelalterlichen Burgen rückten stark in den Mittelpunkt. Aber auch die Grabdenkmäler zweier französischer Generäle zogen die Aufmerksamkeit der Dichter auf sich.

François Séverin Marceau und Lazare Hoche genossen noch zu Lebzeiten den Ruf, nicht so grausam und selbstsüchtig wie andere französische Generäle zu sein. Verehrt von ihren Armeen wie auch vom Feind und vom Volk, wurden den beiden großartige Grabanlagen in Form klassischer Pyramiden für ihre letzte Ruhe errichtet. Beide Denkmäler entstanden nach Entwürfen des Koblenzer Architekten Joseph Peter Krahé.

Marceau, am 21. September 1796 in Altenkirchen gestorben und auf dem Petersberg in Lützel begraben, wurde bereits nach einem Jahr ausgegraben, eingeäschert und unter einer Pyramide bestattet, die noch bis 1819 im Bereich des heutigen Volksparks stand. Die Anlage wurde dann auf Befehl von Friedrich Wilhelm III. beim Bau der Bubenheimer Flesche in das Kehltal der Festungsanlage versetzt.

Hoche musste länger warten. Gestorben am 16. September 1797, lag er ein Jahrhundert unter einem einfachen Grab im Werkhof der Feste Kaiser Franz, bevor er am 7. Juli 1919 feierlich nach Weißenthurm überführt wurde. Nichtsdestotrotz fand die dortige Pyramide, obwohl leer stehend, bereits damals die Bewunderung von einigen Rheinreisenden verschiedener Nationen. Wir wollen an dieser Stelle eine kleine Zeitreise zu diesen Monumenten durch die Augen jener Schriftsteller unternehmen.

Bereits 1796 zeichnete der Schwager von Marceau, Antoine Louis Sergent-Marceau, eine Ansicht des Grabmals, auf der Besucher des Ortes zu sehen sind.(1) Zwei Jahre später beschrieb der deutsche Dichter Ernst Moritz Arndt die Anlage wie folgt:
„Außerhalb der Verschanzungen nördlich, einige hundert Schritte im freien Felde, steht das steinerne Denkmal des General Marceau. Ein niedriges hölzernes Staket läuft rund herum, um es zu sichern; aber Menschen und Thiere hatten schon ihren Schmuz hinein gemacht, weil die Thüre ausgerissen da lag. Es ist eine Pyramide aus röthlichem Granit, drei Mannslängen hoch“.
Es folgt eine Beschreibung der Inschriften, bevor er fortsetzt:
„Am westlichen Eingange sieht man durch das Gitter der Thüre des Monuments eine schöne schwarze Urne, mit einem Lorbeerkranz umwunden. Sie enthält die Asche seines Körpers, und eine Inschrift, die in Kürze mehr sagt, als der vorige lange Schwall von Worten: Hic cineres, ubique nomen. Dieser Thüre gegenüber östlich ist ebenfalls eine Nische und eine Oeffnung mit einem Gitter in Stein, worin Tropäen und Waffen mit seinem Generalshut aufgethürmt sind.“(2)
Von Hoche fand Arndt allerdings nur sein damaliges schlichtes Grab in den französischen Befestigungen, die zu dieser Zeit noch auf dem Petersberg standen.(3)

Viele Dichter und Reisende schrieben die Texte nieder, die auf den vier Seiten der Marceau-Pyramide eingemeißelt sind. 1815 bringt der Österreicher Johannes Andreas Demian ebenfalls den vollen Text zu Papier, mit einer kurzen Beschreibung der „zwanzig Fuss hohen Pyramide, deren Postament die Form einer Gruft hat. Oben auf dieser Pyramide ist eine aus schwarzen Marmor verfertigte Urne, in der Marceau’s Asche aufbewahrt wird“.(4) Demian erwähnt aber auch das Vorhandensein eines Denkmals von Hoche in Weißenthurm: „Als […] Hoche zu Wetzlar starb, wurde ihm bei Weissenthurm auf einem Hügel ein Grabmal errichtet, das aus einer Pyramide besteht, die verschiedene Inschriften hat.“(5)

Der berühmte englische Maler Josef Mallord William Turner stellte bereits 1817 Weißenthurm mit dem Denkmal von Hoche dar. Es ist wohl das früheste Bildnis der Anlage, die er erneut um 1831 sowie 1839 skizziert oder gemalt hat. Die Pyramide von Marceau zeichnete er ebenfalls, allerdings sind uns erst ab 1839 Skizzen davon überliefert.(6)

1819 finden wir einen weiteren englischen Reisenden am Rhein mit einem Gruß von Byron an das Denkmal von Marceau mit den Worten:

„Bei Coblenz hebt auf sanft geneigtem Grunde
Sich eine Pyramide schlicht und klein.
Den grünen Hügel krönend giebt sie Kunde:
Hier senkte man den todten Helden ein.
Zwar unser Feind – doch Ehre dem Gebein
Marceau’s! An seinem frühen Grabe quollen
Viel Thränen in der bärtigen Krieger Reih’n,
Ihn zu beneiden, wie ihm Leid zu zollen, –
Ihm, der für Frankreich fiel, als er es schirmen wollen.
Kurz, tapfer, glorreich, war sein Jugendlauf,
Beklagt von Freund und Feind, von zwei Armeen.
Blickst, Wanderer, Du zu dem Denkmal auf,
So wolle Ruh’ dem tapfern Geist erflehen.
Der Freiheit Kämpe, hat er sich’s ersehen,
Nur da, wo Kampf und Freiheit sich vereint,
Zu streiten, und niemals dahin zu gehen,
Wo durch den Kampf die Freiheit wird vereint.
Sein Herz blieb rein. Drum wird von Männern er beweint.“
(7)

Abb. 1: Grabmal des Generals Marceau in Lützel, um 1900

Der Koblenzer Christian von Stramberg widmet sich in seinem „Rheinischen Antiquarius“ noch intensiver den Verstorbenen. Er berichtet auf über 100 Seiten über das Leben von Marceau und wird daher als sein deutscher Biograph angesehen. Aber auch er lässt sich, trotz aller wissenschaftlicher Ansprüche, von den schaurigen Gefühlen anstecken, die die Anlage hervorruft, und berichtet über Geistergeschichten:
„Unmittelbar nach der Beerdigung tauchten Gerüchte auf von nächtlichem Spuk um den Petersberg. Marceau sollte gesehen worden sein, wie er die zu seiner Abwehr bestimmten Werke recognoscirte, und darauf zum Sturm seine Scharen führte: der Trompeten Klang, der pas-de-charge wurden vernommen, in furchtbaren Artilleriesalven verschwanden der Feldherr und seine Massen.“(8)

20 Jahren nach dem Sturz Napoleons kehrten die Franzosen allmählich als Touristen an dem Rhein zurück und entdeckten dort die Denkmäler ihrer vergessenen Helden. „In der Höhe von Neuwied beanspruchte ein sehr französisches Denkmal auf der linken Rheinseite meine ganze Aufmerksamkeit. Es ist die Pyramide, die von der Sambre-und-Maas-Armee für den General Hoche errichtet worden ist“,(9) berichtet Alexandre Dumas während seiner Rheinreise 1838. Er würdigt mit einem größeren Text die Geschichte von Marceau und, wie andere vor ihm, schreibt er die Inschriften der Pyramide nieder. Ansonsten erwähnt er nur, dass es in der 20 Fuß hohen Pyramide einen Sarg gab, der von der Urne gekrönt war, und dass die Pyramide im März 1817 vom preußischen Ingenieur beim Bau der Festungsanlage abgebaut, jedoch wenig später, auf ausdrücklichen Wunsch des preußischen Königs, in der Kehle der Feste Kaiser Franz erneut errichtet wurde.(10)

Abb. 2: Neuwied und das Monument des Generals Hoche, Stahlstich von William Tombleson, um 1840

Victor Hugo widmet sich ebenfalls im Jahre 1838 den französischen Gräbern, im Gegensatz zu den anderen Dichtern aber eher dem Denkmal von Hoche. Mehrere Seiten lang beschreibt er das Grabmal, noch mit Gerüsten versehen, leer stehend, jedoch in seiner heutigen Vollständigkeit. Allerdings schien das Denkmal noch im Bau zu sein, oder es wurde gerade restauriert. Der Schriftsteller macht davon eine etwas mystische Beschreibung und lässt uns Schritt für Schritt die Anlage entdecken:
„Dieser Block, auf einem kreisrunden gemauerten Unterbau, war ein Grab, von einem Gerüst ummantelt.   
Für wen dieses Grab? Warum dieses Gerüst?
In dem gemauerten Unterbau war eine niedrige gewölbte Tür eingelassen, von einem groben Verhau verschlossen. Ich habe mit der Spitze meines Stockes geklopft; der schlafende Einwohner hat mir nicht geantwortet. 
Dann, über eine sanfte Rampe, mit dichtem Rasen bedeckt und von blauen Blumengesät, die vom Mond zu blühen schien, bin ich auf den runden Bau gestiegen und ich habe das Grab betrachtet.
Ein großer abgestumpfter Obelisk, auf einemriesigen Würfel stehend, der einen römischer Sarkophag darstellte, das Ganze, Obelisk und Würfel, in leichtem blauen Granit; Rund um das Denkmal und bis zu seiner Spitze, ein schwaches Gerüst von einer Leiter durchdrungen; Die vier Seiten des Würfels gestochen und offen, als ob vier Bas-Reliefs davon entfernt wurden; Hier und da, zu meinen Füßen, auf der runden Plattform, Streifen von zerbrochenem blauen Granit, Simsstücken, Reste einer Täfelung, das zeigte mir der Mond.  
Ich ging um das Grabmal herum, den Namen des Verstorbenen suchend. Auf den ersten drei Seiten gab es nichts; Auf der vierten sah ich diese Widmung in kupfernen Buchstaben, die glitzerten: „L’armée de Sambre-et-Meuse à son général en chef“, und unter diesen beiden Zeilen erlaubte mir der Mondschein diesen Name zu lesen, eher angedeutet als geschrieben: „HOCHE“. Die Buchstaben waren abgerissen, sie hatten aber ihren vagen Aufdruck auf dem Granitstein hinterlassen.“
(11)
Marceau hingegen erwähnt Victor Hugo nur in einem Nebensatz.(12)

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bleiben beide Denkmäler gerne gesehene Reiseziele, zumindest oft als Bestandteile einer Rheinreise. Verschiedene Zeitschriften, insbesondere in Frankreich, preisen die Anlagen mit mehr oder weniger Fantasie an und laden zu einer kurzen Visite ein.

Abb. 3: “Le monument de Hoche en Allemagne” von Hubert Clergé, 1880

Erst um die Jahrhundertwende, mit dem allgemein aufkommenden Militarismus, werden die Denkmäler weniger touristisch betrachtet als viel mehr als Symbole des „französischen Rheins“. Marceau und Hoche erfahren zwar noch insofern Respekt, so dass die Denkmäler nicht beschädigt werden, allerdings werden sie auch nicht besonders zugänglich gemacht. 1911 dient das Gelände um das Grab von Marceau zum Kartoffelanbau,(13) während in Weißenthurm das Gelände um die Jahrhundertwende verpachtet wird, um die Unterhaltungskosten zu decken.(14) Erst unter der französischen Besatzung nach Ende des Ersten Weltkriegs werden die Denkmäler wieder erreichbar gemacht und große Ehrenbekundungen werden an beiden Standorten veranstaltet. Die Romantik musste dem Militarismus und Nationalismus weichen.

Heute sollten beide Denkmäler uns wieder ermahnen, dass ein friedliches Europa nur mit der Verständigung benachbarter Völker möglich ist und dass auch Marceau und Hoche, trotz der militärischen Umstände, die sie an dem Rhein gebracht haben, Verständnis für die deutschen Einwohner und für die deutsche Kultur zeigten. Die internationale Ehrenerweisung der Romantik war ein Tribut an diese früh europäisch geprägten Feldherren.

Jean-Noël Charon

Anmerkungen

(1) Vgl. https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8412627p.item, aufgesucht am 21.04.2019.
(2) Ernst Moritz Arndts „Reise durch einen Theil Teutschlands, Ungarns, Italiens und Frankreichs in den Jahren 1798 und 1799“, Vierter Theil, Zweite verbesserte und vermehrte Auflage, Heinrich Griff, Leipzig 1804, S. 386 ff.
(3) Ebd.
(4) J.-A. Demian: „statistisch – politische Ansichten und Bemerkungen auf einer Reise durch einen Theil der neuen preussischen Provinzen am Nieder- und Mittelrheine“, Heinrich Rommerskirchen, Köln 1815, S. 101.
(5) Ebd., S. 144.
(6) Vgl. https://www.tate.org.uk, aufgesucht am 22.04.2019.
(7) Braun, S. 191; zitiert aus Byrons „Childe Harold’s Pilgrimage“, Canto 3. Christian von Stramberg: „Denkwürdiger und nützlicher Rheinischer Antiquarius“, 1. Abtheilung, 1. Band, Rud. Fried. Hergt., Koblenz 1831, S. 314, gibt sogar den englischen Text wieder.
(8) Von Stramberg, S. 316 ff. Viele damalige Militärausdrucke sind aus dem Französischen übernommen. Der „Pas-de-charge“ ist der Befehl zum Sturmangriff.
(9) Alexandre Dumas: „Excursions sur les bords du Rhin“, Paris 1855, S. 142, vom Autor frei übersetzt.
(10) Vgl. ebd., S. 146.
(11) Victor Hugo: „le Rhin“, Band 1, Librairie de L. Hachette et Cie, Paris 1858, S. 159 ff., vom Autor frei übersetzt.
(12) Vgl. ebd., S. 180.
(13) Vgl. Arthur Chuquet: „Quatregénéraux de la révolution, Hoche&Desaix, Kléber& Marceau“, Fontemoing et Cie, Editeurs, Band IV, Paris 1920, S. 397.
(14) Vgl. LHA Ko, Bestand 441, Nr. 34507.

Quellen und Literatur

Ernst Moritz Arndts „Reise durch einen Theil Teutschlands, Ungarns, Italiens und Frankreichs in den Jahren 1798 und 1799“, Vierter Theil, Zweite verbesserte und vermehrte Auflage, Heinrich Griff, Leipzig 1804.
Karl Braun: „Mordgeschichten“, erster Band, Carl Rümpler, Hannover 1875.
Arthur Chuquet:„Quatre généraux de la révolution, Hoche & Desaix, Kléber & Marceau“, Fontemoing et Cie, Editeurs, Band IV, Paris1920.
J.-A. Demian: „statistisch – politische Ansichten und Bemerkungen auf einer Reise durch einen Theil der neuen preussischen Provinzen am Nieder- und Mittelrheine“, Heinrich Rommerskirchen, Köln 1815.
Alexandre Dumas: „Excursions sur les bords du Rhin“, Paris 1855.
Victor Hugo: „le Rhin“, Band 1, Librairie de L. Hachette et Cie, Paris 1858.
Christian von Stramberg: „Denkwürdiger und nützlicher Rheinischer Antiquarius“, 1. Abtheilung, 1. Band, Rud. Fried. Hergt., Koblenz 1831.
https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8412627p.item, aufgesucht am 21.04.2019.

Abbildungen

Abb. 1: Sammlung M. Kellermann, unbekannte Quelle, um 1900
Abb. 2: Sammlung J.-N. Charon, Stahlstich von William Tombleson (1795-1846), um 1840
Abb. 3: Sammlung J.-N. Charon, Hubert Clergé in „Le journal illustré“ Nr. 213, 4. Juli 1880
Abb. 4: Foto Andreas Corvers, 2017
Abb. 5: Foto J.-N. Charon, 2019