Fundstück der Woche 13/2026

Die Sprengung der kurfürstlichen Festung Ehrenbreitstein, 1801

Das Fundstück der Woche 13/2026 ist ein Bild der Ruinen der kurtrierischen Festung Ehrenbreitstein. Diese wurde ab März 1801, also vor 225 Jahren, vor dem Abzug der französischen Besatzung vom rechten Rheinufer geschleift. Am 23. Januar 1799 hatte sich die Festung nach vier Jahren französischer Belagerungen (insgesamt fünf Mal ab 18. September 1795) schließlich ergeben.

Abb. 1: Ruinen der kurtrierischen Festung Ehrenbreitstein, 1805

Ein halsbrechendes Abenteuer! Ich komme von den Ruinen von Ehrenbreitstein. Welche Verwüstung! Welche Empfindung; Werke, welche Jahrhunderte lang der Witterung, der Barbarei und dem Heldenmuthe unbezwingbar waren, in Steinhaufen verwandelt zu sehen! […] Die Ruine von Ehrenbreitstein ist schauerlich schön.“[1] Von diesen Eindrücken des unbekannten Autoren legen heute noch unzählige Bilddokumente wie das hier gezeigte Zeugnis ab. Auch vor Ort in der preußischen Feste Ehrenbreitstein, die ab 1817 an der gleichen Stelle errichtet wurde, finden sich heute noch zahlreiche Spuren der zerstörten kurtrierischen Vorgängeranlage.

Abb. 2: Steinmaterial der kurtrierischen Festung (hier: Spolie mit den Buchstaben PH) in der Langen Linie, 2023

Bereits auf dem Rastatter Kongress (1797-1799)[2] kam die Sprache auf die Festung Ehrenbreitstein und die Bedrohung, die sie im Falle eines Friedensschlusses für Koblenz darstellen könnte. Daher schien eine Demolierung unausweichlich zu sein, sollte der Rhein auch völkerrechtlich als Grenze zwischen dem Reich und Frankreich bestätigt werden. Tatsächlich hatte die französische Seite in einer Note vom 14. Floreal VI [3. Mai 1798] ein gleichzeitiges Bestehen der Festung Ehrenbreitstein und der Stadt Koblenz ausgeschlossen („Un motif non moins impérieux exige la démolition du Fort d’Ehrenbreitstein, dont l’éxistence est en quelque maniére incompatible avec celle de Coblence.“).[3] In einer königlich-preußischen Note vom Oktober 1798 wurde bereits der Gedanke geäußert, dass „die Schleifung von Ehrenbreitstein für die Zukunft bereits verglichen, und feyerlich zugesichert ist“, sobald eine Übereinkunft zwischen den Parteien erreicht werden würde. Dies sollte freilich solange unterbleiben, wie die Festung, obgleich von französischen Streitkräften belagert, als Bollwerk gegen die Franzosen dienen könnte.[4]

Auf die französische Note vom 3. Mai 1798 bezog sich der kurtrierische Kommandant der Festung Ehrenbreitstein Johann Philipp von Faber, als er angesichts seiner verzweifelten Lage in einem Schreiben vom 14. Januar 1799 dem Kommandanten der französischen Belagerungstruppen General Dallemagne anbot, die Festung selbst zu demolieren, um der Blockade der Stadt Thal ein Ende zu setzen. Von Faber nahm nicht ganz zu Unrecht an, dass dem Bestreben der französischen Seite, die Ehrenbreitstein zu zerstören, schließlich vom Reich entsprochen werden würde, sollte es letztlich zu einem Friedensschluss kommen.[5] Dieser Frieden blieb allerdings aus, da die Verhandlungen von Rastatt ohne Ergebnis abgebrochen wurden.

Erst mit dem Frieden von Lunéville vom 9. Februar 1801 wurde das Schicksal der Festung Ehrenbreitstein endgültig besiegelt. Zwar wurde im Friedensschluss noch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass „diese Festungen [zu denen auch die Ehrenbreitstein gehörte, Anm. d. Verf.] und Forts in dem Zustande bleiben sollen; in dem sie sich zur Zeit der Räumung befinden werden“.[6] Frankreich berief sich allerdings auf die Rastatter Verhandlungen und die mehr oder weniger gegebene Zusage des Reichs, dass die Festung Ehrenbreitstein geschleift werden könne, sollte es zu einem Friedensschluss kommen.[7] Letztendlich stimmte das Reich dann der Zerstörung der rechtsrheinischen Befestigungen zu.[8]

Die Vorbereitungen zur Schleifung der Festung Ehrenbreitstein liefen möglicherweise bereits ab Juni[9] oder ab Oktober 1800.[10] Der Ingenieur-Kommandant Charles Chevallot und der Hauptmann und Leiter der Ingenieurstruppe Hourlet Brégille erhielten den Befehl, „die Einzelheiten der Demolierung der Festung festzulegen“.[11] Im Februar 1801 erging dann die Anordnung zur Zerstörung des Festungwerks aus Paris mit dem expliziten Hinweis, dass die Ehrenbreitstein „gesprengt werden“ solle.[12]

Die Arbeiten begannen schließlich Anfang März.[13] Kommandant vom Platz und Verantwortlicher für die Schleifungsarbeiten war der französische General Lorge, der „einen hohen Bedarf an Arbeitskräften angemeldet“ hatte („il a fait une forte requisition des travailleurs“).[14] So kam es, dass „einige Tausend Bauern“ seit Anfang März mit der Zerstörung des Festungswerks beschäftigt waren.[15] Auf der Baustelle würde fleißig gearbeitet,[16] auch mit den Sprengarbeiten wäre bereits begonnen.[17] Wie Christian von Stramberg berichtet, wurde „jedes der Vernichtung ausgesetzte Werk am Morgen durch eine rothe Fahne bezeichnet.“ Außerdem wurde „vor der Explosion allemal eine Kanone gelöset, damit der Schuss den Nachbarn eine Warnung sey“. Zugleich, so von Stramberg, diente der Kanonenschuss allerdings auch den „Gaffern als Einladung“,[18] da das Interesse der Bevölkerung an dem Spektakel sehr groß gewesen zu sein scheint.

Anscheinend schritten die Sprengarbeiten zügig voran. Bereits für den 18. März meldete die Augsburgische Ordinari Postzeitung, dass die Festung bereits „größtentheils in Schutt“ lag. Verwertbare Materialien wie Türen, Fenster, Holz, Eisen und Blei wurden für 300.000 Livres veräußert, sodass „kein eiserner Nagel“ zurückblieb.[19] Dagegen berichtete die französische Zeitung Le Citoyen Français Ende März, dass die Zerstörung nur mit großen Anstrengungen („avec la plus grande peine“) durchgeführt werden konnten, da „seine Werke […] fast alle in den nackten Fels gehauen waren“ („ses ouvrages, presque tous taillés dans le roc vif“) und daher mehr als einmal die Sprengung fehlschlug.[20] Auch eine erste Sprengung des Johannisturms in der ersten Märzhälfte 1801 misslang.[21] Die Mauern des im Hang des Ehrenbreitsteins stehenden Turms, die „15 rheinländische Schuhe“ [ca. 4,7 m] stark waren, „widerstanden“ zunächst „einer Ladung von 16 Zentnern Pulver“.[22] Nachdem sich „der Dampf […] verzogen hatte“, war „nicht die geringste Erschütterung an ihm wahrzunehmen“. Erst im zweiten Anlauf konnte der Turm schließlich zu Fall gebracht werden,[23] sodass von dem Bauwerk unter den Trümmern „nur noch ein kleiner Stumpf“ übrigblieb.[24] Ein weiterer mittelalterlicher Turm, „das sogenannte Gießhaus an der südlichen Spitze“, fiel bereits beim ersten Anlauf vollständig in Trümmern.[25]

Tatsächlich bot die Festungsruine anscheinend von außen keinen eindrucksvollen Anblick, wie ein zeitgenössischer Beobachter berichtet: „Wenn man den Rhein herabkommt, so nimmt sich die Ruine nicht sonderlich aus, weil nur ein Par Häuser-Gerippe in die Augen fallen. Man muss den Berg selbst besteigen; denn die schönen und größten Trümmer befinden sich im Inneren.“[26] Wie gründlich bei den Sprengarbeiten vorgegangen worden war bleibt daher fraglich. General Karl von Müffling genannt Weiß schrieb hierzu in seinen Erinnerungen: „Der Ehrenbreitstein war durch die französischen Offiziere sehr liederlich gesprengt, sie hatten hier wie überall mit der Hälfte des dazu erhaltenen Pulvers gesprengt, und die andere Hälfte zu ihrem Nutzen verkauft; ich veranlasste die Untersuchung der alten Fundamente, sie waren noch gut erhalten.“[27] Eine 1815 durchgeführte Untersuchung der Festungstrümmer brachte folgendes Bild: „Danach waren alle Escarpengewölbe eingestürzt und alle Gräben verschüttet. Es standen nur noch die Contrescarpen der beiden Hauptwerke. Von den Bauten der inneren Festung war das Zeughaus noch am besten erhalten. Auch standen noch die Außenmauern der großen Wohnbauten der Südhälfte und der Lothringer Kaserne. Alle mittelalterlichen Türme waren verschwunden; ebenso alle Redouten. Nur gering beschädigt waren das Hornwerk Orsbeck oder das Neutor. Unbeschädigt waren auch viele Hauptminengalerien, Teile der Treppen, die vom Johannisturm zu den gänzlich zerstörten Pfeiferwachten führten und der Helfenstein mit seiner schlechten Erdbrustwehr.“[28]

Anfang April 1801 wurde dann der französische General Michel-Marie Pacthod u.a. mit dem Kommando in Ehrenbreitstein betraut, um die Zerstörung der Festung weiter voranzutreiben.[29] Anscheinend war man mit dem Fortgang der Arbeiten nicht zufrieden, da man Mitte April noch damit rechnete, dass die Schleifung sich über weitere zwei Monate hinziehen würde.[30] Für die Franzosen war allerdings höchste Eile geboten, da neben der Ehrenbreitstein auch die neu angelegten französischen Werke auf den Höhen rings umher (Elling, Arzheim, Pfaffendorf) vor ihrem Abzug geschleift werden sollten. Hierfür standen ihnen „täglich 600 Arbeiter“ zur Verfügung, die die deutsche Seite aufbringen musste.[31]

Am 15. Mai 1801 räumte die französische Armee endgültig die Stadt Thal und “die ehemalige Festung Ehrenbreitstein“ und zog sich nach Koblenz zurück.[32] Am 22. Oktober 1802 besetzte nassauisches Militär die Stadt Thal, die dann nach dem Reichsdeputationshauptschluss vom 25. März 1803 zusammen mit der Festungsruine schließlich in den Besitz des Fürstentums Nassau-Weilburg überging.[33] Das Festungsgelände wurde als Weidegelände an die Ehrenbreitsteiner Fleischerzunft verpachtet.[34]

Matthias Kellermann

Anmerkungen

[1] Zeitung für die elegante Welt Nr. 58, 14.05.1801, S. 470f. (via digipress).
[2] Vgl. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008921/2010-08-09/, abgerufen am 22.03.2026.
[3] Was ist für itzt rechtlich und zu thun, wenn Ehrenbreitstein nach dem Friedenschlusse geschleift werden soll?, [1799], S. 7.
[4] Königlich-Preußisches Pro Memoria, Ehrenbreitstein betreffend, an die Deputation. Vom 19. Octob. 1798, in: Haller, Carl Ludwig von: Geheime Geschichte der Rastadter Friedensverhandlungen in Verbindung mit den Staatshändeln dieser Zeit: Nebst den wichtigsten Urkunden. Sechster Theil, Germanien 1799, S. 137f.
[5] Vgl. Anlagen zur dreyhundert und acht und siebenzigsten Beylage, Schreiben vom 14.01.1799, in: Protocoll der Reichs-Friedens-Deputation zu Rastatt. Sechster Band. Herausgeber Heinrich Münch von Bellinghausen, Rastatt 1800, S. 104f.
[6] Augsburgische Ordinari Postzeitung von Staats-, gelehrten, historisch- u. ökonomischen Neuigkeiten (künftig: Augsburgische Ordinari Postzeitung) Nr. 44, 20.02.1801, S. 2 (via digipress).
[7] Michel, Fritz: Der Ehrenbreitstein, Koblenz [1933], S. 60 (künftig: Michel, Ehrenbreitstein).
[8] Vgl. Münchner oberdeutsche Staatszeitung Nr. 225, 23.09.1800, S. 2 (via digipress).
[9] Vgl. Michel, Ehrenbreitstein, S. 60.
[10] Vgl. Münchner Oberdeutsche Staatszeitung Nr. 256, 29.10.1800, S. 1 (via digipress).
[11] Michel, Ehrenbreitstein, S. 60.
[12] Allgemeine Zeitung Nr. 59, 28.02.1801, S. 234 (via digipress).
[13] Vgl. Augsburgische Ordinari Postzeitung Nr. 65, 17.03.1801, S. 2 (via digipress). Christian von Stramberg berichtet, dass mit der Sprengung der Festung am 9. April 1801 begonnen wurde (Vgl. Stramberg, Christian von: Rheinischer Antiquarius, Mittelrhein, 2. Abteilung 1. Band, Ehrenbreitstein, Feste und Thal, Koblenz 1845, S. 760 (künftig: Stramberg, Antiquarius)).
[14] Le Citoyen Francais Nr. 493, 2 Germinal IX [23. März 1801], S. 2, in: Bibliothèque nationale de France, département Philosophie, histoire, sciences de l’homme (via Gallica). Die Stadt Neuwied hatte die Stellung von Arbeitern verweigert.
[15] Augsburgische Ordinari Postzeitung Nr. 65, 17.03.1801, S. 2 (via digipress).
[16] Vgl. Le Citoyen Francais Nr. 499, 8 Germinal IX [23. März 1801], S. 2, in: Bibliothèque nationale de France, département Philosophie, histoire, sciences de l’homme (via Gallica).
[17] Augsburgische Ordinari Postzeitung Nr. 65, 17.03.1801, S. 2 (via digipress).
[18] Stramberg, Antiquarius, S. 760.
[19] Augsburgische Ordinari Postzeitung Nr. 70, 23.03.1801, S. 4 (via digipress).
[20] Le Citoyen Francais Nr. 499, 8 Germinal IX [2. April 1801], S. 2, in: Bibliothèque nationale de France, département Philosophie, histoire, sciences de l’homme (via Gallica).
[21] Augsburgische Ordinari Postzeitung Nr. 65, 17.03.1801, S. 2 (via digipress).
[22] Münchner oberdeutsche Staatszeitung Nr. 149, 26.06.1801, S. 2f. (via digipress). Eine andere Quelle gibt „13 rheinländische Schuhe“ an [ca. 4m] (Zeitung für die elegante Welt: Mode, Unterhaltung, Kunst, Theater Nr. 58, 14.05.1801, S. 471 (via digipress)).
[23] Stramberg, Antiquarius, S. 761.
[24] Michel, Ehrenbreitstein, S. 61.
[25] Münchner oberdeutsche Staatszeitung Nr. 149, 26.06.1801, S. 2 (via digipress).
[26] Ebd.
[27] Müffling, Friedrich Karl Ferdinand: Aus meinem Leben, Berlin 1851, S. 206.
[28] Michel, Ehrenbreitstein, S. 61. Escarpe = innere Grabenmauer, Contrescarpe = äußere Grabenmauer, Redoute = eigenständiges Festungswerk, meist viereckig oder polygonal angelegt, Hornwerk = vorgeschobenes Festungswerk.
[29] Vgl. Münchner oberdeutsche Staatszeitung Nr. 84, 09.04.1801, S. 1 (via digipress).
[30] Vgl. Le Citoyen Francais Nr. 504, 13 Germinal IX [28. März 1801], S. 2, in: Bibliothèque nationale de France, département Philosophie, histoire, sciences de l’homme (via Gallica).
[31] Michel, Ehrenbreitstein, S. 60.
[32] Augsburgische Ordinari Postzeitung Nr. 123, 23.05.1801, S. 2 (via digipress).
[33] Vgl. Michel, Ehrenbreitstein, S. 61.
[34] Vgl. Stramberg, Antiquarius, S. 761.

Abbildungen

Abb. 1: Sammlung M. Kellermann, unbekannte Quelle, nachkolorierter Kupferstich von Christian August Günther, 1805
Abb. 2: Foto M. Kellermann (Ausschnitt), 2023