Fundstück der Woche 25/2017

Fort Drouan oder Fort Drouot?, 30. November 1924

Das Fundstück der Woche 25/2017 ist eine Ansichtskarte aus der Zeit um 1924. Sie zeigt den Eingangsbereich in die von 1913 bis 1918 für das 2. Rheinische Feldartillerie-Regiment Nr. 23 erbaute Feldartillerie-Kaserne in Koblenz-Lützel, die zu der Zeit von französischen Truppen belegt war. Bereits 1922 waren Einheiten des 230. französischen Artillerie-Regiments in die zuvor von den Amerikanern geräumte Kaserne eingerückt. 1923 übernahm Frankreich endgültig die ehemals amerikanische Koblenzer Besatzungszone.

ANMERKUNG: Der nachfolgende Text ist ein Vorabzug aus dem Sammelband „Fundstücke“, an dem unser Verein derzeit arbeitet. Für dieses Buch wurde der Text komplett überarbeitet und um weitere Bilder ergänzt.

Abb. 1: Feldartillerie-Kaserne in Lützel, um 1924

Von 1913 bis 1918 entstand im ehemaligen Glacis der 1890 aufgegebenen Feste Kaiser Franz eine neue Kaserne für das 2. Rheinische Feldartillerie-Regiment Nr. 23, das bis dahin mehr schlecht als recht an verschiedenen Orten in der Stadt Koblenz untergebracht war. Die neue Feldartillerie-Kaserne war eben so gerade fertig gestellt, als das Rheinland im Zuge des Waffenstillstands vom 11. November 1918 zunächst entmilitarisiert und dann besetzt wurde. Am 12. Dezember 1918 rückten erste amerikanische Truppenverbände in Koblenz ein. Hier mussten die Soldaten erst einmal warten, bis sie auf die Kasernen, Festungswerke oder sonstige Unterkünfte in der Stadt verteilt wurden.

„Die Straßen, die auf Befehl der Amerikaner trotz der allgemeinen Kohlennot verschwenderisch beleuchtet waren, glichen stellenweise einem Heerlager. An der Falkensteinkaserne und auf dem Kaiserin-Augusta-Ring waren Hunderte von Mauleseln zusammengepfercht. Überall kampierten Soldaten in Zelten, Wachen gingen auf und ab, und fast an jeder Straßenecke tauchten Patrouillen auf. Die Festhalle, die von der Besatzung sofort mit Beschlag belegt worden war, war hell erleuchtet. Soldaten saßen vor dem großen Gebäude auf dem Boden und dösten vor sich hin. […] Es war seit einer Woche in der ganzen Stadt so.“(1)

Im Vorort Lützel wurden die Feldartillerie-Kaserne und die Feste Kaiser Franz auf dem Petersberg und die Trainkaserne mit amerikanischen Einheiten belegt. Doch auch die französische Seite hatte ein Auge auf die Hauptstadt der Rheinprovinz geworfen. Am 30. Juli 1919 erhielt der neue amerikanische Oberbefehlshaber der American Forces in Germany (kurz A.F.G,), General Henry Tureman Allen, Besuch einer französischen Abordnung, die eine Teilung der Stadt unter Amerikanern und Franzosen vorschlug. Dieses Ansinnen lehnte Allen genauso ab wie eine Übergabe des Ehrenbreitsteins an die Franzosen.(2) Eine Absage erteilte der General am 8. August auch dem französischen Wunsch, eigene Soldaten in Lützel zu stationieren, nachdem das amerikanische „Große Hauptquartier“ schon die Aufgabe des Koblenzer Vororts in Aussicht gestellt hatte. General Allen widersprach erneut. „Meine Ansicht ist, daß wir unter keinen Umständen denjenigen Teil der Stadt aufgeben dürfen, der die Eisenbahn-Endstationen, die städtischen Kraftwerke und unsere eigenen Lagerhäuser in sich birgt. Das zuzulassen, würde für uns zu den größten Unzuträglichkeiten führen.“ Allen klingt ein wenig entrüstet, wenn er am 10. August außerdem notiert: „Die Franzosen sind darauf versessen, einen Teil dieser Stadt in die Hand zu bekommen, und Lützel erscheint ihnen besser als gar nichts.“ Trotz seiner vehementen Abneigung gegenüber den französischen Forderungen, die weit über eine mögliche Stationierung von Soldaten in Lützel hinaus gingen, konstatiert er tags darauf: „Ich gebe mir stets Mühe, die Rheinfrage vom Standpunkt der Franzosen aus zu betrachten.“(3) Die Anstrengungen General Allens, der aus diesem Grund sogar persönlich nach Paris zum Großen Hauptquartier reiste, bezüglich der Stationierungsfrage hatten zuletzt Erfolg. Am 23. August ließ Marschall Foch schließlich mitteilen, „daß keine französischen Truppen in den Landkreis Koblenz hereinkommen sollen“.(4)

Es sollte bis 1922 dauern, bevor die Franzosen mit ihrem Anliegen dann doch noch erfolgreich waren. Am 1. März startete der französische General Degoutte vor dem Hintergrund der kurz zuvor bekanntgegebenen amerikanischen Truppenreduzierung einen erneuten, freilich erfolglosen Versuch bei General Allen. Auch Marschall Foch, der sich ebenfalls in die Angelegenheit einbrachte, stieß bei Allen abermals auf Ablehnung.(5) Doch dauerhaft konnte sich der amerikanische Oberkommandierende den Wünschen der Franzosen nicht verweigern. Nachdem Anfang Mai die Stationierung einer französischen „Kavalleriebrigade“ in Lützel noch daran scheiterte, dass die Trainkaserne nicht rechtzeitig von den Amerikanern geräumt werden konnte,(6) zogen Mitte des Monats zunächst vermutlich das französische Kavallerie-Regiment Nr. 28 bzw. Nr. 30 und der dazugehörige Stab in die Kaserne ein.(7)
Wie zu dieser Zeit üblich, wurden die von den Franzosen belegten Standorte mit neuen Namen versehen. So erhielt z. B. die Trainkaserne in Lützel unmittelbar nach der französischen Übernahme den Namen „Caserne Marceau“, was bei General Allen auf Ablehnung stieß: „Als ich an der Kaserne von Lützel vorbeiging, bemerkte ich, daß die Franzosen, wie es ihre, aber nicht unsere Gewohnheit ist, ein Schild mit der Bezeichnung „Caserne Marceau“ aufgehängt haben; es liegt auch nicht im Interesse guter Beziehungen, so die Namen der Kasernen umzutaufen.“(8)

Abb. 2: Train-Kaserne in Lützel (Quartier Marceau), um 1924

Auch die Feldartillerie-Kaserne wurde umbenannt; zusammen mit der benachbarten, bereits 1920 entfestigten Bubenheimer Flesche erhielt sie den Namen Fort Drouot nach Antoine Drouot (1774-1847), der Général de division (Generalmajor) der Fußartillerie Napoleons war.(9) Die hier abgebildete Ansichtskarte aus der Zeit um 1924, die den Eingangsbereich in die Kaserne zeigt, liegt in zwei nahezu identischen Versionen vor, mit einem kleinen Unterschied: In der (vermutlich) ersten Ausführung heißt der Komplex noch „Fort Drouan“, was aber offensichtlich ein Druckfehler war. Bei späteren Auflagen der Ansichtskarte wurde der fehlerhafte Aufdruck dann anscheinend korrigiert.

Der Kartenschreiber, Soldat in der 14. Batterie des 39. französischen Artillerie-Regiments (39e R.A.D. = 39e régiments d‘artillerie), war zu dieser Zeit in der Kaserne stationiert. Er nutzte die Zeit nach dem Appell am Abend des 30. November 1924, um seinen Eltern einige kurze Zeilen zu schreiben und von seiner bevorstehenden Verlegung nach Trier zu berichten. Auf der Vorderseite notierte er, den fehlerhaften Ausdruck berichtigend: „- C‘est la caserne boche où je suis actuellement logé – (Fort Drouot)“, zu Deutsch: „Das ist die deutsche Kaserne, in der ich zurzeit untergebracht bin (Fort Drouot)“.(10)

Im Oktober 1929 endete die Zeit des 39e R.A.D. an der Feste Kaiser Franz. Nach dem Abtransport der Geschütze, der Munition und der Fahrzeuge bis Mitte Oktober zog bis Ende des Monats der Großteil der Soldaten ab.(11) Die letzten 350 Mann der Einheit, die zuletzt in der Trainkaserne untergebracht waren, verließen Koblenz am 7. November 1929.(12)

Matthias Kellermann

Abb. 3: Feldartillerie-Kaserne in Lützel, um 1919
Abb. 4: Küche im Fort Drouot, 1925

Anmerkungen

(1) Breitbach, Joseph: Die Wandlung der Susanne Dasseldorf, Göttingen 2006, S. 67f.
(2) Allen, Henry T.: Mein Rheinlandtagebuch, Berlin 1924, S. 16 (künftig: Allen, Rheinlandtagebuch).
(3) Ebd., S. 20f.
(4) Ebd., S. 24.
(5) Vgl. ebd., S. 208 und S. 210.
(6) Ebd., S. 226
(7) Vgl. Koblenzer Volks-Zeitung Nr. 191, 08.05.1922, 2. Seite: Lokales. Französische Kavallerie in Koblenz.
(8) Allen, Rheinlandtagebuch, S. 242.
(9) Vgl. Eintrag in der deutschen Wikipedia, abgerufen am 08.12.2019 unter
https://de.wikipedia.org/wiki/Antoine_Drouot
(10) Siehe Ansichtskarte Abb. 1.
(11) Vgl. Schreiben des Präsidenten der Reichsvermögensverwaltung für die besetzten rheinischen Gebiete Nr. Pr. 2.162/3089 vom 16.10.1929 und Nr. Pr. 2.162/3208 vom 27.10.1929, in: Stadtarchiv Koblenz (StAK), Best. 623 Nr. 5182, S. 115f., hier S. 116 und S. 97f., hier S. 97.
(12) Vgl. Schreiben des Präsidenten der Reichsvermögensverwaltung für die besetzten rheinischen Gebiete Nr. Pr. 2.162/3317 vom 07.11.1929, in: StAK Best. 623 Nr. 5182, S. 206f., hier S. 206.

Literatur

Allen, Henry T.: Mein Rheinlandtagebuch, Berlin 1924
Breitbach, Joseph: Die Wandlung der Susanne Dasseldorf, Göttingen 2006 (Mainzer Reihe. Neue Folge, Band 4, herausgegeben von Alexandra Plettenberg-Serban und Wolfgang Mettmann)
Kellermann, Matthias: Die Feldartillerie-Kaserne in Koblenz-Lützel, Bonn 2014

Abbildungen

Abb. 1: Sammlung M. Kellermann, Quelle unbekannt, um 1924
Abb. 2: Sammlung M. Kellermann, Lindstedt & Zimmermann, Koblenz, um 1924
Abb. 3: Sammlung M. Kellermann, Quelle unbekannt, um 1919
Abb. 4: Sammlung M. Kellermann, Quelle unbekannt, 1925