Hochwasser in der Kastorpfaffenstraße, um 1925
Das Fundstück der Woche 29/2026 ist eine Fotografie der Kastorpfaffenstraße in Koblenz zur Zeit der französischen Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg. Die undatierte Fotografie wird zur Zeit der schweren Hochwasser 1924-1925-1926 aufgenommen worden sein. Sie zeigt den Übergang von der Kastorpfaffenstraße in den Kastorhof, im Hintergrund ist der Kastorbrunnen zu sehen. Von den Gebäuden im Bild ist heute nur noch das Haus Nr. 21 erhalten, alle übrigen wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Eigentümer des Hauses Nr. 21 war der „Reichsmilitär-Fiskus“.(1) Es diente dem im benachbarten Von der Leyenschen Hof untergebrachten Generalkommando als eines von mehreren Dienstgebäuden. Das Haus verfügte über „ca. 35 zum Teil sehr kleine Zimmer„, mit „schmalen dunklen Fluren„, einem „engen Treppenaufgang“ und „ohne ausreichende Abortanlagen„. Hinzu kam, wie im Foto zusehen, dass das Gebäude „im Hochwassergebiet“ lag. Dies hatte zur Folge, dass „während des alljährlich eintretenden Hochwassers […] die Zentralheizung stillgelegt“ werden musste.(2) Das um 1896(3) erbaute Gebäude ist heute das einzige noch erhaltene ältere Haus in der Kastorpfaffenstraße.(4)

Im Haus Nr. 21 war 1921 das Koblenzer Entfestigungsamt untergebracht,(5) das für die Umsetzung der Entfestigungsarbeiten an den Koblenzer Festungswerken und damit auch für die Entfestigung der Feste Kaiser Franz zuständig war. Das Entfestigungsamt bestand vom 1. Mai 1920 bis ca. Ende 1924. Es ging aus der Koblenzer Fortifikation hervor, die bis zum 30. April 1920 für den Unterhalt der Festung zu sorgen hatte.
Dem neuen Entfestigungsamt kamen verschiedene Aufgabenbereiche zu. Neben den eingangs genannten vorbereitenden Arbeiten kümmerte sich das Amt um „die bauliche Unterhaltung und Verwaltung der in den fortifikatorischen Anlagen vorhandenen Unterkunftsräume, die sich bisher in Verwaltung der Reichsvermögensämter befunden“ hatten. Dabei sollte der Vorstand des Entfestigungsamts „in Bausachen selbständig“ sein.(6) Zu den Aufgaben des Amtes gehörte außerdem noch die Vergabe der Arbeiten, die Munitionsbeschaffung und -verwaltung, die Anfertigung von Schleifungsplänen (siehe Fundstück der Woche 24/2026) und Erhaltungsanträgen, die Überwachung der Arbeiten, die Anfertigung von Berichten über den Arbeitsfortgang, die Verhandlungen mit der I.M.K.K. und vieles mehr.
Das Koblenzer Entfestigungsamt begleitete die gesamte erste Phase der Arbeiten, die Ende August bzw. Anfang September an der Bubenheimer Flesche begannen und am 1. November 1922 an der Feste Kaiser Alexander endeten.(7) Mit der Abnahme der Entfestigungsarbeiten auf dem linken Rheinufer durch die Vertreter der I.M.K.K. im Dezember 1922 fand auch die Arbeit des Entfestigungsamtes ein vorläufiges Ende, da der Großteil der rechtsrheinischen Festungswerke zunächst von der Zerstörung ausgeschlossen war. Daher beschränkte sich das Amt in der folgenden Zeit vermutlich auf die „die Unterhaltung der Anlagen“, organisierte die Bewachung der noch verbliebenen Restmunition und einen „Aufsichtsdienst über die Anlagen des rechten Rheinufers einschließlich der Rayons“.(8)
Mit dem Ende der ersten Entfestigungsphase im Dezember 1922, in der das linke Rheinufer vollständig entfestigt wurde, verlor das Amt seine Hauptaufgabe und damit mehr und mehr seine Daseinsberechtigung. Folgerichtig wurde es Ende 1924 aufgelöst und in eine „Entfestigungsstelle“ bei der Reichsvermögensverwaltung umgewandelt. Diese war dann 1927 und 1929 für die zweite Phase auf dem rechten Rheinufer zuständig.
Das Entfestigungsamt ist später in das Haus Kastorpfaffenstraße 6 umgezogen, das sich seit 1897 im Besitz des Militärfiskus befand(9) und in dem zuvor der Artillerie-Offizier vom Platz untergebracht war.(10) Das Haus Nr. 21 beherbergte seit 1931 das preußische Kulturamt.(11)
Matthias Kellermann
Anmerkungen
(1) Adreßbuch der Residenzstadt Coblenz der Stadt Ehrenbreitstein und der Gemeinde Pfaffendorf. 1900-1901, bearbeitet und herausgegeben von A. Castor, Ober-Stadtsekretär, C. Bux, I. Böhm, Stadtsekretäre, Koblenz 1900, S. 62.
(2) Bericht über die Dienstreise nach Koblenz am 8. Mai 1928 betreffend Besichtigung von Kasernenbauten usw. vom 10.05.1928, in: BArch Best. R 2 Nr. 25934, S. 116-118, hier S. 116f. [S. 242-247, hier S. 242f.].
(3) Vgl. Adreßbuch der Residenzstadt Coblenz der Stadt Ehrenbreitstein und der Gemeinde Pfaffendorf, Ausgabe 1897, S. 70. Laut Titelblatt wurde das Buch im August 1896 erstellt.
(4) Vgl. Dellwing, Herbert und Kallenbach, Reinhard: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Stadt Koblenz 3.2, Innenstadt, Worms 2004, S. 156.
(5) Vgl. Einwohnerbuch der Stadt Coblenz und Umgebung für das Jahr 1921/22, Ausgabe Oktober 1921, Koblenz 1921, Behörden-Verzeichnis I, S. 6.
(6) Besprechungsprotokoll vom 26.01.1920, in: BArch Best. R 1601 Nr. 4074.
(7) Zur Entfestigung der Feste Kaiser Franz und der Feste Kaiser Alexander siehe auch: Kellermann, Matthias, 100 Jahre Entfestigung. Feste Kaiser Franz. 1920-1922, hrsg. von Feste Kaiser Franz e. V., Bonn 2022 und derselbe: Zur Entfestigung der Feste Kaiser Alexander, in: Beiträge zur Geschichte der Festung Koblenz und Ehrenbreitstein, hrsg. von Feste Kaiser Franz e. V., Koblenz 2025, S. 60-93.
(8) Schreiben des Entfestigungsamts Koblenz Nr. 324/24 vom 27.05.1924, in: BArch Best. R 133 Nr. 71.
(9) Vgl. Adreßbuch der Stadt Coblenz mit den eingemeindeten Vororten Coblenz-Lützel und Coblenz Neuendorf, der Stadt Ehrenbreitstein und der Gemeinde Pfaffendorf, Ausgabe 1897, S. 70.
(10) Vgl. Wohnungs-Liste der Offiziere und Beamten der Garnison Coblenz-Ehrenbreitstein, Ausgaben 1906 und 1914, S. 14 und S. 16.
(11) Vgl. Gastmann, Albert: Die alte Festung Koblenz. Ihr Schicksal einst und Morgen (Teil II), in: StAK, Koblenzer Volkszeitung Nr. 164, 19.07.1932.
Abbildungen
Abb. 1: Sammlung M. Kellermann, unbekannter Fotograf, um 1925
Abb. 2: Sammlung M. Kellermann, Ansichtskarte, unbekannter Verlag/Fotograf, vor 1919

